Kolumne
2010: Ein verlorenes Jahr für Aktien?
Autor: Ad van Tiggelen
Van Tiggelen ist seit 1994 bei ING Investment Management, aktuell als Senior Investment Specialist in der Abteilung Investment Content Management. Van Tiggelen startete seine Karriere 1981 in der Marketingabteilung der Nationale-Nederlanden, dem größten Versicherungsunternehmen der ING-Gruppe. Van Tiggelen studierte zunächst Business Administration am Higher Economic and Administrative College (Abschluss 1980) und Business Economics an der Erasmus Universität in Rotterdam, wo er 1987 seinen Universitätsabschluss in Wirtschaftswissenschaften erlangte.
Zu Jahresbeginn glaubten zahlreiche Analysten, für 2010 seien ein kräftiges Gewinnwachstum (25 %), attraktive Aktienrenditen und magere Renditen für Staatsanleihen zu erwarten. Wenn man auf die bisherige Entwicklung zurückblickt, haben sie sich in all diesen Punkten geirrt. Beim Gewinnwachstum waren sie nicht optimistisch genug – die Gewinne werden um über 30 % zulegen –, und im Hinblick auf die Aktienrenditen waren sie zumindest bis jetzt zu optimistisch. Und bei Anleihen lagen sie wirklich völlig falsch. Kein Wunder, dass sogar einige der gewieftesten Hedgefonds-Manager ein schlechtes Jahr haben. Was, wenn nicht ein kräftiges Gewinnwachstum, solide Bilanzen und moderate Bewertungen, sollte für Aktien sprechen?
Die Finanzmärkte versuchen, die Zukunft einzupreisen. Gegenwart und Vergangenheit sind ihnen egal. Dies war selten so deutlich wie heute. Die Anleger lassen die zahlreichen positiven Daten außer acht und konzentrieren sich auf das Risiko eines „Double Dip“. Ihre Befürchtungen sind verständlich. Die Anleger haben immer gewusst, dass die zweite Phase der Erholung in den Industrieländern von einer Belebung des Konsums getragen werden muss. Nun rückt die zweite Phase näher, und den Marktteilnehmern wird klar, dass aus Sicht der Verbraucher nur wenig Anlass dazu besteht, den Stab vom verarbeitenden Gewerbe zu übernehmen und die Erholung weiter voranzutreiben.
Die Verbraucher wissen, dass die Fiskalpolitik im Jahr 2011 restriktiver gestaltet werden wird. Sie wissen, dass die Lohnerhöhungen voraussichtlich gering ausfallen werden. Sie befürchten, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt in nächster Zeit nicht wesentlich bessern wird. Und was möglicherweise das Wichtigste ist: Sie merken allmählich, dass sie den Preis für das Altern der Gesellschaft zahlen müssen. Der zu erwartenden Einbußen in der Altersvorsorgeplanung werden zunehmend in der Gesellschaft diskutiert werden. Warum sollten die Verbraucher also jetzt ihren Konsum erhöhen? Manche Analysten vertreten die Auffassung, die Verbraucher würden dies schon allein deshalb tun, weil sie es normalerweise im jetzigen Stadium des Zyklus getan haben. Bisher war jedoch kaum etwas in diesem Konjunkturzyklus „normal“.
In der Zwischenzeit verkaufen die „Double-Dip“-Anhänger Aktien und kaufen Anleihen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich die Lage wie von ihnen befürchtet entwickelt. Diesen Anlegern ist auch klar, dass die Regierungen und die Zentralbanken nur noch über sehr wenig Munition verfügen, um ein solches Szenario gegebenenfalls abzuwenden. Traditionelle Mittel wie Geldpolitik (Zinssenkungen) und Fiskalpolitik (Steuersenkungen) wurden bereits ausgeschöpft. Nun bleiben nur noch unkonventionelle Mittel übrig, z.B. Gelddrucken oder nicht gegenfinanzierte Steuersenkungen. Einige Länder wie z.B. die USA und Großbritannien haben die Notenpresse bereits großzügig in Gang gesetzt. Hier stellt sich allerdings das Problem, dass man Risikoaverse Verbraucher nicht einfach dazu „zwingen“ kann, weniger zu sparen und mehr Geld auszugeben. Daher könnte die Fed wieder zu unkonventionellen Mitteln greifen.
Insgesamt ist es verständlich, dass die Finanzmärkte vorsichtig sind, was den künftigen Konsum betrifft. In den Industrieländern dürften sowohl das Wachstum als auch die Inflation äußerst moderat ausfallen. Es mag so aussehen, als bilde sich an den Anleihemärkten eine Blase; wir gehen jedoch nicht davon aus, dass diese bald platzt. Derzeit herrscht vor allem Unsicherheit vor, so dass breit gestreute Diversifizierungen und moderate Renditen die wichtigsten Kennzeichen der künftigen Entwicklung sein dürften.
Bei Aktien spricht daher alles für ein „Durchwursteln“, wobei die Abwärtsrisiken (vor allem für zyklische Titel) etwas größer sind als die Aufwärtsrisiken. Insofern könnte 2010 als ein „verlorenes Jahr“ für Aktien empfunden werden. Langfristig bieten die Emerging Markets und defensive High Dividend-Titel jedoch unseres Erachtens weiterhin gute Anlagechancen.
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